30 Sozialwissenschaften, Soziologie
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Sozialphilosophie und Geldpolitik bei Friedrich August von Hayek, Walter Eucken, Joseph Alois Schumpeter, Milton Friedman und John Maynard Keynes
(2013)
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Stephan Balling
- Die globale Finanzkrise, die im Frühjahr 2007 begann und im September 2008 durch den
Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers eskalierte, begann im vierten Quartal
2008 weltweit auf die Realwirtschaft durchzuschlagen. Die deutsche Bundesregierung
rechnete damit, dass im Jahr 2009 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 6 Prozent einbrechen
werde – so stark wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Es kam mit einem BIP-Rückgang von
4,9 Prozent dann zwar nicht ganz so schlimm, aber auch diese Rezession war die stärkste
seit 1945. Für diese dramatischen Entwicklungen lieferten Ökonomen im Wesentlichen zwei
Erklärungsmuster: Die einen gaben den Zentralbanken die Schuld, sie hätten in den zwei
Jahrzehnten vor der Krise zu viel Liquidität geschaffen, die dann zu Preisblasen etwa auf
dem amerikanischen Immobilienmarkt führte. Andere machten eine zu schlaffe Regulierung
und die Liberalisierung der Finanzmärkte für die Entwicklungen verantwortlich.
Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse entstand die Idee, nicht nur eine technische Analyse
durchzuführen um zu erkennen, welches Erklärungsmuster plausibler sei. Stattdessen sollte
analysiert werden, wie sich diese diametral wiedersprechenden Aussagen von Ökonomen
ideengeschichtlich erklären lassen. Es erschien nötig, sich ideengeschichtlich mit
Sozialphilosophie, der Rolle des Staates in der Wirtschaft sowie dem Wesen des Geldes und
des Zinses in den wichtigsten ökonomischen Schriften des 20. Jahrhunderts zu
beschäftigen. Dabei sollte es um die Frage gehen, ob bei Ökonomen und Sozialphilosophen
zwischen den generellen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen einerseits
und den geldpolitischen Vorstellungen andererseits ein Zusammenhang besteht. Diese
Frage sollte durch einen Literaturvergleich verschiedener Staats- und Geldtheoretiker geklärt
werden, die – bei allen Unterschieden im Detail – für sich das Attribut „liberal“ reklamieren.
Die vorliegende Arbeit analysiert folglich die Werke von fünf großen Wirtschafts- und
Sozialphilosophen, nämlich von Friedrich August von Hayek als Repräsentant der
Österreichischen Schule der Nationalökonomie, Walter Eucken als Vertreter der Freiburger
Schule der Ordnungsökonomik, Joseph A. Schumpeter als Vertreter einer
Unternehmertheorie, Milton Friedman als Begründer des Monetarismus und John Maynard
Keynes als Vertreter einer expansiven Geld- und Fiskalpolitik. Dabei wird ein
Zusammenhang des Denkens in Bezug auf allgemeine staatsphilosophische Vorstellungen,
wirtschaftspolitische Ziele und die Aufgabe sowie den Instrumentenkasten der Geldpolitik
hergestellt.
Dabei zeigt sich: Individualistische Vorstellungen über die Gesellschaft gehen mit
Präferenzen für eine geringe Tätigkeit des Staates in der Wirtschaft sowie einer
weitgehenden, teils sogar völligen Entkopplung der Geldpolitik von politischer Einflussnahme
einher. Umgekehrt gehen Vorstellungen, die weniger einem negativen als einem positiven
Freiheitsbegriff folgen und dem wirtschaftlichen Erfolg des Kollektivs den Vorzug vor der
Freiheit des Einzelnen geben, mit einer stärkeren Rolle des Staates im wirtschaftlichen
Koordinations- und Allokationsprozess einher und fordern zugleich eine aktive Rolle der
Geldpolitik bei der Steuerung des wirtschaftlichen Prozesses. Daraus ist wiederum zu
schließen: Die Forderung nach einer expansiv ausgerichteten Geldpolitik zur Stimulierung
von Konjunktur und Wachstum beruht ideengeschichtlich nicht nur auf technischen
Überlegungen zur Effizienz, sondern stammt von einer grundsätzlich kollektivistischer – teils
sozialistischer – ausgerichteten Grundüberzeugung. Die Argumentation zum Beispiel für
oder gegen eine konjunkturstützende Geldpolitik leitet sich nicht nur aus theoretischen
ökonomischen Modellen ab, deren Richtigkeit etwa durch empirische Methoden überprüft
werden kann. Sie leitet sich auch aus grundsätzlichen Überzeugungen zum Beispiel über
den Wert der individuellen Freiheit oder des Schutzes von Eigentumsrechten ab. In der
politischen wie in der wissenschaftlich-ökonomischen Diskussion kommt dieser Aspekt
allerdings zu kurz.