Refine
Keywords
- Bewässerungswirtschaft (1) (remove)
-
Stadtentwicklung, Wassermanagement und Ressourcenkonflikte in Ouarzazate
(2006)
- Der in den letzten Jahrzehnten einsetzende sozio-ökonomische Wandel hat besonders in den ariden Oasenregionen der Präsahara die lokale Nutzungskonkurrenz um die ohnehin knappen Wasserressourcen zwischen städtisch-touristischen und landwirtschaftlichen Wassernutzern deutlich verstärkt. Sicherten bis in die 1950er Jahre traditionelle angepasste Nutzungssysteme die Existenz der Bewohner und gewährleisteten eine nachhaltige Wassernutzung, so wurde in der kolonialen Epoche ein sozialer und räumlicher Wandel in vielen Oasen eingeleitet, der seit der Unabhängigkeit an Dynamik gewann und den Charakter der Oasen sowie die Wassernutzung entscheidend und nachhaltig änderte. In der Untersuchung zeigt sich, dass die Verknappung der Wasserressourcen in Südmarokko nicht ausschließlich auf klimabedingte Faktoren reduziert werden kann, sondern dass die Verteilung der knappen Ressource den Interessen staatlicher Akteure und einflussreicher Eliten folgt. Es ergibt sich ein komplexes Bild des Zusammenwirkens verschiedener Faktoren und Interessen auf individueller, lokaler, nationaler und internationaler Ebene. In der vorliegenden Arbeit werden am Beispiel der südmarokkanischen Provinzhauptstadt Ouarzazate und ihrem angrenzendem Bewässerungsperimeter die Zusammenhänge zwischen Urbanisierungsprozess, lokaler Wasserverteilung und gesellschaftlichen Machtverhältnissen aufgezeigt. Die Untersuchung basiert auf dem Ansatz der Politischen Ökologie, der aufgrund seiner multiperspektivischen und akteursorientierten Ausrichtung den passenden integrativen Analyserahmen für die komplexe Fragestellung bildet. Im theoretischen Teil der Arbeit wird die zentrale Bedeutung der interagierenden Akteure auf den verschiedenen räumlichen Ebenen und ihre unterschiedlichen Machtbefugnisse hervorgehoben sowie die bedeutende Rolle der Institutionen herausgestellt. Im analytischen Teil der Untersuchung wird der Urbanisierungsprozess und sozio-ökonomische Wandel Ouarzazates im historischen Kontext detailliert untersucht und anschließend mit der lokalen Wasserversorgung in Beziehung gesetzt. Durch den Bau des Staudammes Mansour ed-Dahbi bei Ouarzazate Anfang der 1970er Jahre gingen landwirtschaftliche Nutzflächen der ehemaligen Oase verloren. Gleichzeitig erhielt der Urbanisierungsprozess dynamische Impulse durch die staatlichen Umsiedlungsmaßnahmen, die Neuerschließung großer Wohnviertel für die administrative Elite und die staatliche Tourismusförderung seit Mitte der 1980er Jahre. Seitdem wird im Zuge der regionalen Wirtschaftsentwicklung die Ressource Wasser zunehmend dem Tourismussektor zu subventionierten Preisen zugeführt. Parallel zu den staatlich gelenkten Entwicklungsmaßnahmen werden in Ouarzazate seit etwa 20 Jahren die Effekte der internationalen Arbeitsmigration sichtbar. Die wirtschaftlich erfolgreichen Migranten reinvestieren zunehmend im Bausektor ihrer Herkunftsgebiete und modifizieren die Wassernutzung. Im empirischen Teil der Arbeit werden anhand von sieben Fallbeispielen im urbanen und peri-urbanen Raum die Innenperspektiven und Sichtweisen lokaler Akteure in verschiedenen Handlungs- und Konfliktsituationen analysiert und die unterschiedlichen Machtbefugnisse und der jeweilige Machtzugang einzelner Akteure herausgearbeitet. Es zeigt sich, dass verschiedene Anpassungs- und Bewältigungsstrategien an die Wasserknappheit die lokale Wasserversorgung kennzeichnen. Waren es früher die Speicherung von Getreide oder die extensive Weideviehhaltung, die die Lebenshaltungssysteme sicherten, so sind es heute der Zugang zu Arbeitsmigration und Lohnarbeit, die Nutzung der städtischen Abwasserressourcen und der landwirtschaftliche Risikoanbau auf den Rückzugsflächen des Stausees. Im urbanen Bereich wird eine duale Struktur der Wasserversorgung deutlich, bei der wirtschaftlich schwächere Bewohner entweder nur Zugang zu kollektiven Wasserstellen haben oder aufgrund von Mehrfachanschlüssen erhöhte Wassertarife bezahlen müssen. Die vorliegende Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass im Untersuchungsgebiet heute in erster Linie kein quantitatives Wasserproblem besteht, sondern ein Verteilungsproblem, da die Wasserknappheit in erster Linie wirtschaftlich schwächere und besonders landwirtschaftlich wassernutzende Bauern trifft. Die wirtschaftspolitische Macht des Tourismussektors als einzigen größeren Wirtschaftssektor im Untersuchungsgebiet und die Bedeutung der internationalen Arbeitsmigration als wichtige Deviseneinnahmequelle ist groß und lenkt die Ressourcenallokation. Es zeigt sich, dass „... Wasser nicht mehr länger ein Geschenk Gottes...“ (DECALUWE et al. 1999), sondern vielmehr eine ökonomische Ressource ist, deren Verteilung zunehmend durch die wirtschaftlichen Besitz- und Machtverhältnisse geregelt wird.
