Stadtentwicklung, Wassermanagement und Ressourcenkonflikte in Ouarzazate

Urbanization, water management and resource conflicts in Ouarzazate

Der in den letzten Jahrzehnten einsetzende sozio-ökonomische Wandel hat besonders in den ariden Oasenregionen der Präsahara die lokale Nutzungskonkurrenz um die ohnehin knappen Wasserressourcen zwischen städtisch-touristischen und landwirtschaftlichen Wassernutzern deutlich verstärkt. Sicherten bis in die 1950er Jahre traditionelle angepasste Nutzungssysteme die Existenz der Bewohner und gewährleisteten eine nachhaltige Wassernutzung, so wurde in der kolonialen Epoche ein sozialer und räumlicherDer in den letzten Jahrzehnten einsetzende sozio-ökonomische Wandel hat besonders in den ariden Oasenregionen der Präsahara die lokale Nutzungskonkurrenz um die ohnehin knappen Wasserressourcen zwischen städtisch-touristischen und landwirtschaftlichen Wassernutzern deutlich verstärkt. Sicherten bis in die 1950er Jahre traditionelle angepasste Nutzungssysteme die Existenz der Bewohner und gewährleisteten eine nachhaltige Wassernutzung, so wurde in der kolonialen Epoche ein sozialer und räumlicher Wandel in vielen Oasen eingeleitet, der seit der Unabhängigkeit an Dynamik gewann und den Charakter der Oasen sowie die Wassernutzung entscheidend und nachhaltig änderte. In der Untersuchung zeigt sich, dass die Verknappung der Wasserressourcen in Südmarokko nicht ausschließlich auf klimabedingte Faktoren reduziert werden kann, sondern dass die Verteilung der knappen Ressource den Interessen staatlicher Akteure und einflussreicher Eliten folgt. Es ergibt sich ein komplexes Bild des Zusammenwirkens verschiedener Faktoren und Interessen auf individueller, lokaler, nationaler und internationaler Ebene. In der vorliegenden Arbeit werden am Beispiel der südmarokkanischen Provinzhauptstadt Ouarzazate und ihrem angrenzendem Bewässerungsperimeter die Zusammenhänge zwischen Urbanisierungsprozess, lokaler Wasserverteilung und gesellschaftlichen Machtverhältnissen aufgezeigt. Die Untersuchung basiert auf dem Ansatz der Politischen Ökologie, der aufgrund seiner multiperspektivischen und akteursorientierten Ausrichtung den passenden integrativen Analyserahmen für die komplexe Fragestellung bildet. Im theoretischen Teil der Arbeit wird die zentrale Bedeutung der interagierenden Akteure auf den verschiedenen räumlichen Ebenen und ihre unterschiedlichen Machtbefugnisse hervorgehoben sowie die bedeutende Rolle der Institutionen herausgestellt. Im analytischen Teil der Untersuchung wird der Urbanisierungsprozess und sozio-ökonomische Wandel Ouarzazates im historischen Kontext detailliert untersucht und anschließend mit der lokalen Wasserversorgung in Beziehung gesetzt. Durch den Bau des Staudammes Mansour ed-Dahbi bei Ouarzazate Anfang der 1970er Jahre gingen landwirtschaftliche Nutzflächen der ehemaligen Oase verloren. Gleichzeitig erhielt der Urbanisierungsprozess dynamische Impulse durch die staatlichen Umsiedlungsmaßnahmen, die Neuerschließung großer Wohnviertel für die administrative Elite und die staatliche Tourismusförderung seit Mitte der 1980er Jahre. Seitdem wird im Zuge der regionalen Wirtschaftsentwicklung die Ressource Wasser zunehmend dem Tourismussektor zu subventionierten Preisen zugeführt. Parallel zu den staatlich gelenkten Entwicklungsmaßnahmen werden in Ouarzazate seit etwa 20 Jahren die Effekte der internationalen Arbeitsmigration sichtbar. Die wirtschaftlich erfolgreichen Migranten reinvestieren zunehmend im Bausektor ihrer Herkunftsgebiete und modifizieren die Wassernutzung. Im empirischen Teil der Arbeit werden anhand von sieben Fallbeispielen im urbanen und peri-urbanen Raum die Innenperspektiven und Sichtweisen lokaler Akteure in verschiedenen Handlungs- und Konfliktsituationen analysiert und die unterschiedlichen Machtbefugnisse und der jeweilige Machtzugang einzelner Akteure herausgearbeitet. Es zeigt sich, dass verschiedene Anpassungs- und Bewältigungsstrategien an die Wasserknappheit die lokale Wasserversorgung kennzeichnen. Waren es früher die Speicherung von Getreide oder die extensive Weideviehhaltung, die die Lebenshaltungssysteme sicherten, so sind es heute der Zugang zu Arbeitsmigration und Lohnarbeit, die Nutzung der städtischen Abwasserressourcen und der landwirtschaftliche Risikoanbau auf den Rückzugsflächen des Stausees. Im urbanen Bereich wird eine duale Struktur der Wasserversorgung deutlich, bei der wirtschaftlich schwächere Bewohner entweder nur Zugang zu kollektiven Wasserstellen haben oder aufgrund von Mehrfachanschlüssen erhöhte Wassertarife bezahlen müssen. Die vorliegende Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass im Untersuchungsgebiet heute in erster Linie kein quantitatives Wasserproblem besteht, sondern ein Verteilungsproblem, da die Wasserknappheit in erster Linie wirtschaftlich schwächere und besonders landwirtschaftlich wassernutzende Bauern trifft. Die wirtschaftspolitische Macht des Tourismussektors als einzigen größeren Wirtschaftssektor im Untersuchungsgebiet und die Bedeutung der internationalen Arbeitsmigration als wichtige Deviseneinnahmequelle ist groß und lenkt die Ressourcenallokation. Es zeigt sich, dass „... Wasser nicht mehr länger ein Geschenk Gottes...“ (DECALUWE et al. 1999), sondern vielmehr eine ökonomische Ressource ist, deren Verteilung zunehmend durch die wirtschaftlichen Besitz- und Machtverhältnisse geregelt wird.show moreshow less
The socio-economic change of the last decades has increased local competition concerning the usage of limited water resources between urban, tourism and agricultural users significantly in the arid oasis regions of the pre-Sahara. Up to the 1950s, traditional irrigation systems guaranteed the livelihoods of the inhabitants and sustainable water use. In the colonial era social and spatial change was initiated in many oases which has increased in its dynamic since independence and has significantlThe socio-economic change of the last decades has increased local competition concerning the usage of limited water resources between urban, tourism and agricultural users significantly in the arid oasis regions of the pre-Sahara. Up to the 1950s, traditional irrigation systems guaranteed the livelihoods of the inhabitants and sustainable water use. In the colonial era social and spatial change was initiated in many oases which has increased in its dynamic since independence and has significantly changed the character of these oases and the sustainable use of water. The study shows that water scarcity cannot be reduced to climatic factors alone, but that the distribution of the limited resource follows the political interests of governmental actors and influential elites. The interaction of various factors and interests on the individual, local, national and international levels sums up to a complex image. This study examines the connection between the urbanization process, the local water distribution and social power illustrated by the south Moroccan town of Quarzazate and its adjoining irrigation lands. The conceptional and analytical framework of this study is based on a political ecology perspective. This approach provides an useful integrative analytical frame for the examination of complex water issues because of its interdisciplinary, multi-perspective and actor-oriented alignment. The central role of the interacting actors on different spatial levels and their different influence and power concerning water use and distribution will be explained in detail in the theoretical part of this study. The important role of institutions and different environmental perceptions of the actors in this context will be emphasized. In the analytical part of this study the processes of urbanization and the social-economic change of Ouarzazate are surveyed with regard to its historical context and is finally related to local water distribution. The construction of the Mansour ed-Dahbi dam between 1968 and 1972 was one of the major development and urbanization poles, due to the loss of farmland in the south-eastern part of this former oasis. Simultaneously, the process of urbanization received dynamic impulses due to the resettlement and the construction of residential areas for the administrative and urban elites. The increasing urban development was not only resulting in a rise of the urban and administrative usage of water but also in the development of tourism in Ouarzazate. Since the mid of 1980s the government has tried to develop the local economy by supporting tourism and to ensure the tourism water supply by subsidized prices. In addition to the public development activities the effects of the international labour migration have been visible in Ouarzazate for 20 years. The economically successful labour migrants are investing in the housing industry in their regions of origin. They modify the usage and increase the comsumption of drinking and irrigation water, the latter by the construction of private motor driven wells. In the empirical part of this study the perceptions and inner perspectives of local actors in resource conflicts and the different basis of and access to power will be analysed in the urban and oasis area in seven case studies. Different formal and informal adapting and coping strategies for managing water scarcity are typical for the local water supply. Whereas in the past the storage of cereals or the extensive livestock management ensured livelihoods, this is now achieved by the access to labour migration, the usage of urban sewage resources and cultivating land on retreats of the Mansour ed-Dahbi reservoir in dry periods. In the urban sector a dual structured water supply is visible in which the economically weak inhabitants only have access to collective water taps or pay higher prices for water due to collective water connection. The study comes to the conclusion that there is rather a distribution problem than a quantitative water problem, because water scarcity affects only the urban poor and especially small farmers who need water for irrigation. The economic-political power of tourism as the most important economical sector in this region, and the signification of international labour migration as the major source of revenues of foreign exchange is important and directs the allocation of resources. It has been proved that “…water is no longer heaven sent …” (DECALUWE et al. 1999) but an economic resource and its distribution is regulated more and more by the economic balances of power.show moreshow less

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Metadaten
Institutes:Geowissenschaften
Author: Dierk Schlütter
Advisor:Prof. Dr. Detlef Müller-Mahn
Granting Institution:Universität Bayreuth,Fakultät für Biologie, Chemie und Geowissenschaften
Date of final exam:02.11.2006
Year of Completion:2006
SWD-Keyword:Marokko <Süd>; Politische Ökologie; Stadtentwicklung; Trinkwasserversorgung; Wasserverteilung
Tag:Bewässerungswirtschaft; Wasserkonflikte; Wassermanagement; Wasserpolitik; Wasserrechte
political ecology; resource conflicts; south morocco; urbanization; water management
Dewey Decimal Classification:550 Geowissenschaften
URN:urn:nbn:de:bvb:703-opus-2703
Document Type:Doctoral Thesis
Language:German
Date of Publication (online):12.03.2007