Fortschritte - Land-Stadt-Wanderung von Frauen in Tansania

Rural-Urban Migration of Women in Tanzania

EXPLOSIONSARTIGE STADTENTWICKLUNG UND UNSICHTBARE MIGRANTINNEN Die Stadtentwicklung Tansanias ist in dreifacher Weise interessant: Die Anti-Urbanisierungspolitik Nyereres wurde weltbekannt und konnte doch weder eine der höchsten Stadtwachstumsraten weltweit verhindern, noch dass Daressalaam sich zu einer Primatstadt mit den typischen Problemen entwickelte. Seit den siebziger Jahren stellen Frauen die Mehrheit der Migranten, doch in Literatur und Diskussion sind sie 'unsichtbar' geblieben. Diese EXPLOSIONSARTIGE STADTENTWICKLUNG UND UNSICHTBARE MIGRANTINNEN Die Stadtentwicklung Tansanias ist in dreifacher Weise interessant: Die Anti-Urbanisierungspolitik Nyereres wurde weltbekannt und konnte doch weder eine der höchsten Stadtwachstumsraten weltweit verhindern, noch dass Daressalaam sich zu einer Primatstadt mit den typischen Problemen entwickelte. Seit den siebziger Jahren stellen Frauen die Mehrheit der Migranten, doch in Literatur und Diskussion sind sie 'unsichtbar' geblieben. Diese Studie will Gründe und Auswirkungen der Land-Stadt-Wanderung von Frauen erklären. Für ein Verständnis des Migrationsprozesses werden sowohl Trends auf nationaler Ebene als auch individuelle Strategien analysiert. Die Arbeit gliedert sich in drei Teile: Theorie und Methodik für Frauen-, Entwicklungs- und Migrations-forschung, Literaturstudie zu Frauenalltag und -migration in Tansania und Feldstudie mit Migrantinnen in Daresalaam. Letztere stützt sich auf eine Befragung von 302 Frauen an ausgewählten Wohnorten und Arbeitsplätzen zwischen 1993 und 1995, sowie 50 biographische Interviews und eine Reihe von Expertengesprächen. WIRTSCHAFTLICHE ODER SOZIALE WANDERUNGSGRÜNDE? Im Zuge verbesserter Schulbildung gewinnen wirtschaftliche Motive auch für Frauen rasch an Bedeutung. Darüber hinaus gibt es frauenspezifische Wanderungsmotive, etwa Heirat oder Mitarbeit im Haushalt von Verwandten in der Stadt. Die Situation auf dem Land ist von Diskriminierung beim Zugang zu Land und anderen Ressourcen, traditionellen Rollenzuweisungen und hoher Arbeitsbelastung sowie der Abwanderung der Männer geprägt, was zur Suche nach Alternativen führt. Frauen wachsen traditionell als zukünftige Migrantinnen auf: die Familienfelder werden den Brüdern vererbt, da sie nach der Heirat ins Dorf des Ehemannes ziehen. Der Besuch der Sekundarschule setzt ebenso einen Umzug voraus, wie die übliche Mithilfe im Haushalt von Verwandten in der Stadt. Nach einem Stadtaufenthalt ziehen die meisten Frauen aus dem Dorf weg. Die Migrationsgründe liegen weder in der Stadt noch auf dem Land, sondern im Lebenslauf. UNABHÄNGIGE MIGRATION ODER 'FAMILIENUNTERNEHMEN'? Migrantinnen sind heute besser informiert und entscheiden selbst, während ältere Frauen gerne berichten, sie seien 'wie Gepäck' mitgebracht worden. Eine wachsende Anzahl alleinstehender Frauen zieht selbständig und unabhängig in die Stadt. Die Unterstützung der Familie spielt doch weiterhin eine wichtige Rolle bei der Bezahlung der Fahrt und der ersten Unterkunft in der Stadt bei Verwandten, und ermutigt Kettenmigration. Der Umzug in die Stadt ist häufig als Besuch angelegt, wird meist ohne Gepäck unternommen. Die Wanderungsentscheidung wird weniger vor der Abreise getroffen sondern wiederholt in der Stadt - gegen eine Rückkehr ins Dorf. WERDEN MIGRANTINNEN ZU STÄDTERINNEN? Die meisten Frauen bewerten die Migration positiv und bewältigen den städtischen Alltag mithilfe von informellen Einkommen und Nachbarschaftshilfe. Doch sie unterhalten enge Beziehungen mit der Familie im Heimatdorf. Die Wanderung ist nicht der Versuch, familiären Verpflichtungen zu entkommen, sondern sie besser erfüllen zu können. Der Unterschied zwischen Stadt- und Landleben wird mit der Dominanz der Geldwirtschaft (und den damit verbundenen Chancen und Risiken) einerseits und der Subsistenzlandwirtschaft und Grossfamilie andererseits beschrieben. Viele betonen, dass es auf dem Land 'keinen Fortschritt' gebe: 'wenn du es zu etwas bringen willst, musst du in die Stadt'. Maendeleo (Swahili: Entwicklung, Fortschritt) ist das wichtigste politische Idiom seit der Unabhängigkeit und ein wichtiges Leitbild für Migrantinnen. Die Mehrheit bevorzugt Daressalaam als Wohnort für die nähere Zukunft, doch viele möchten im Alter ins Dorf zurückzukehren. Der Plan ist, Geld für den Hausbau zu verdienen, und dadurch im Kreis der Familie und gleichzeitig unabhängig leben zu können. Migration ist eine Strategie zur Verbesserung der Lebensbedingungen, Daressalaam ist der Ort 'zum Arbeiten aber nicht zum Leben'. SIND FRAUEN URBANER ALS MÄNNER? Die Situation ist paradox: die Land-Stadt-Wanderung von Frauen wird gleichzeitig besonders gefördert und verurteilt. Frauen haben mehr zu gewinnen, Einkommen und Unabhängigkeit, doch sie sehen das Stadtleben kritisch und kennen die Risiken. Selbst wenn es Verantwortung für die Versorgung der Familie ist, die Frauen aus dem Dorf treibt, werden sie in der Stadt nicht mit Respekt empfangen. Die massenweise Migration von Frauen wird unterschätzt, missverstanden und mit sozialen Problemen wie Prostitution gleichgesetzt. Dies erschwert auch die Rückwanderung. Für die Situation von Frauen in Tansania sowie die zukünftige Stadtentwicklung ist es wichtig, Migration als Streben nach Fortschritt und Teil einer städtischen Strategie zu verstehenshow moreshow less
EXPLOSIVE URBAN GROWTH AND 'INVISIBLE' WOMEN MIGRANTS Tanzania has been among the least urbanized countries, but experienced some of the most rapid urban growth in the world in past decades. The country's early anti-urbanisation policies brought international attention but no ease to the stream of Tanzanians leaving the rural areas. In spite of the decision to shift the government to Dodoma, Daressalaam has remained the de-facto capital, the centre of commerce, education, administration, and theEXPLOSIVE URBAN GROWTH AND 'INVISIBLE' WOMEN MIGRANTS Tanzania has been among the least urbanized countries, but experienced some of the most rapid urban growth in the world in past decades. The country's early anti-urbanisation policies brought international attention but no ease to the stream of Tanzanians leaving the rural areas. In spite of the decision to shift the government to Dodoma, Daressalaam has remained the de-facto capital, the centre of commerce, education, administration, and the most powerful magnet for migration. Since the seventies there are more women than men moving to Daressalaam, but in the urbanisation discourse they are still 'invisible'. This study set out to explain the reasons and implications of rural-urban migration of women in Tanzania. The aim is to combine the analysis of trends at the national level with research on individual decisions and strategies for understanding the migration process. The study consists of three parts: 'Theory and Methodology' for gender, development and migration research in Africa, a 'Literature Study' on women's daily lives and migration in Tanzania and a 'Field Study' with women migrants in Daressalaam. The latter is based on a survey with 302 women in selected residential areas and work places between 1993 and 1995, along with 50 narrative interviews and a series of expert interviews. ECONOMIC OR SOCIAL REASONS? With improved education, economic motivation is quickly gaining importance. But there are also specific women's motives linked to their roles in society, like marriage to a man working in town, visiting relatives in town, working in a household etc. Through discrimination in respect to land rights, resource access, social pressure, recent developments in agriculture and the emigration of men, the situation of women in the rural areas is conducive to out-migration. Women grow up to be migrants: traditionally their fathers' land is inherited by their brothers, as they are expected to move to their husbands village. Some will move to a secondary school while others join relatives' households in town. Most girls with town experience will later be urban migrants. The reasons for migration lie neither in the rural nor the urban areas, but in women's biographies. INDEPENDENT MIGRATION PROCESS OR 'FAMILY ENTERPRISE'? Women moving to Daressalaam in recent times are better informed and more involved in the decision, whereas older women report that they were brought to town like luggage. Many unmarried women move on their own, independent of family- or marriage-related reasons. The migration is nevertheless often supported by the extended family through providing transport and shelter on arrival - thereby setting off a chain of migrations. In many cases moving to town is seen as a visit and most migrants do not carry luggage. The actual decision is not 'whether and where' to move, but 'how long' to stay. ARE WOMEN MIGRANTS BECOMING URBANITES? Most women have found ways of organising daily life in town with informal sector jobs, child care and reciprocal support systems with neighbours. At the same time they maintain close ties with family members in their rural place of origin. Migration does not aim at escaping from family obligations, but rather at fulfilling them better. The difference between rural and urban life is described through the dominance of the cash economy in town (with its opportunities and risks) as opposed to food farming and extended family support in the village. Many stress that there is no progress or development in the village: 'if you want to get somewhere in life, if you are a smart woman you have to go to town'. 'Maendeleo' is the most powerful political idiom in Tanzania since independence and a major motivation for migration. The majority prefer living in Daressalaam in the near future but many want to return to the village in their old age. The idea that drives many women is to accumulate funds in order to build ones own house in the village and live there as a respected citizen, surrounded by the family but independent. Migration is a strategy to improve ones life, Daressalaam is a place to work but not to live. ARE WOMEN MORE URBAN THAN MEN? The situation is paradox: the migration of women is more encouraged by the circumstances and more disliked by society. Women gain more through rural urban migration, both income and independence, but they are critical to city life and aware of the risks. It may be women's responsibilities for the family, which make it necessary to leave the village, but on arrival in town they meet disrespect and harassment. The massive migration of women is underestimated, misunderstood and blamed for causing social problems, which makes it difficult for women to return 'home'. It is crucial for the situation of women and urban development in Tanzania that migration is understood as a development strategy for women and men, where the move to town is the means but not necessarily the end.show moreshow less

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Metadaten
Institutes:Geowissenschaften
Author: Verena Knippel
Advisor:Prof. Dr. Helmut Ruppert
Granting Institution:Universität Bayreuth,Fakultät für Biologie, Chemie und Geowissenschaften
Date of final exam:18.07.2002
Year of Completion:2002
SWD-Keyword:Daressalam; Frau; Landflucht; Migration; Stadt; Tansania
Tag:Land-Stadt-Gefälle; Land-Stadt-Wanderung; Migrantin; Migrationsgründe; Stadtentwicklung
Daressalaam; Tanzania; rural-urban migration; urban development; women
Dewey Decimal Classification:550 Geowissenschaften
RVK - Regensburg Classification:RS 59000
RVK - Regensburg Classification:RB 10918
URN:urn:nbn:de:bvb:703-opus-161
Document Type:Doctoral Thesis
Language:German
Date of Publication (online):13.01.2003